Fantasy

»Ich lese keine Fantasy-Serien, die nicht abgeschlossen sind!« – Über einen Teufelskreis auf dem Buchmarkt

Ausschnitt vom Cover des Romans
© Dominick Saponaro

 Markus Mäurer, 03.06.2026

Immer mehr Leser*innen fangen Fantasy-Buchserien erst an, wenn der letzte Teil erschienen ist. Wodurch die Chance sinken, dass dieser je erscheinen wird. Markus Mäurer hat sich diese Zwickmühle auf dem Buchmarkt genauer angesehen.

Immer, wenn George R. R. Martin sich zu Winds of Winter äußert, jenem sechsten Teil seiner »Das Lied von Eis und Feuer«-Serie, der seit 15 Jahren angekündigt, aber bis heute nicht erschienen ist, werden im Fandom Stimmen laut, die sagen, sie würden keine neuen Serien mehr anfangen, bevor diese nicht abgeschlossen sind. Und ich denke mir: Geschätzte 90 Prozent aller Fanatasyautor*innen beenden ihre Buch-Serien, aber weil George R. R. Martin und Patrick Rothfuss nicht in die Pötte kommen, bestraft ihr alle anderen Autor*innen dafür. Bestrafen ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, wir können alle kaufen und lesen, was wir wollen, aber die Logik erschließt sich mir nicht. Im folgenden Beitrag werde ich aufdröseln, welche Folgen das für den Buchmarkt hat, aber auch für uns Lesende.

Die Besonderheit des deutschsprachigen Buchmarkts

Dafür sollten wir aber noch zwischen dem deutschsprachigen und dem englischsprachigen Buchmarkt unterscheiden. Denn auf dem deutschsprachigen kommt das Problem hinzu, dass tatsächlich viele übersetzte Serie von den Verlagen mangels ausreichender Verkäufe vor Abschluss eingestellt werden. Und die Zahl der eingestellten Serien dürfte deutlich über 10 Prozent liegen. Das schien früher nicht so ein großes Problem zu sein, hat sich aber in den letzten 15 Jahren verstärkt. Was sicher daran liegt, dass die Lektor*innen, Programmleiter*innen und kaufmännischen Geschäftsführer*innen von Verlagen häufiger mal auf die nackten Zahlen schauen. Und wenn die so gar nicht stimmen, wird die Streichaxt geschwungen, ganz gleich welche Folgen das für die Reputation der Verlage, Autor*innen und Serien hat.

Eine Langzeitfolge von abgebrochenen Übersetzungen ist, dass viele Leser*innen deswegen inzwischen komplett aufs Englische umgestiegen sind. Sie lesen die Serien und Reihen direkt im Original, um nicht wieder erleben zu müssen, dass die übersetzte Serie mittendrin eingestellt wird und sie mitten in der Lektüre auf eine andere Sprache wechseln müssen, in der womöglich Namen und Begriffe ganz anders klingen und die Umstellung zunächst schwerfällt (ist mir auch schon so gegangen). Das ist ein Problem, dass sich die deutschsprachigen Verlage selbst eingebrockt haben, indem sie kurzfristige Verluste vermeiden, aber langfristig viel mehr Schaden anrichten.

Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass sich manche Verlage zweimal überlegen, eine längere Serie überhaupt zu beginnen, weil sie Angst davor haben, die Leser*innen im Falle eines Abbruchs mangels Verkäufe zu verärgern. Das führt natürlich auch wieder zu Beschwerden, warum diese und jene tolle Serie nicht übersetzt wird. Als Gutachter für Bücher berücksichtige ich so etwas auch und vermerke, dass der Kauf einer Serie auch ein gewisses Commitment mit sich bringt.

Das ist kein alleiniges Problem der Fantasy, auch im Bereich Krimi werden viele übersetzte Reihen vor Abschluss eingestellt. Ich weiß gar nicht, wie viel historische Krimi-Reihen, die ich gerne gelesen habe, dieses Schicksal erlitten. Die Sam-Wyndham-Reihe von Abir Mukherjee lese ich inzwischen auf Englisch weiter, doch mein Französisch reicht leider nicht aus, um die Nicolas-Le-Floch-Reihe von Jean-François Parot weiterzulesen. Und mein Japanisch nicht für die Lieutenant-Himekawa-Reihe von Tetsuya Honda, die sowohl auf Deutsch wie auf Englisch nach zwei Bänden eingestellt wurde.

Auf dem englischsprachigen Buchmarkt spielen Übersetzungen keine große Rolle.

Der Teufelskreis

Der Teufelskreis ist eigentlich ganz einfach beschrieben: Wenn immer mehr Leser*innen darauf warten, dass Serien komplett abgeschlossen sind, bevor sie den ersten Band kaufen, desto größer ist die Chance, dass sich die Serie schlecht verkauft und vorzeitig abgebrochen wird. Wird sie abgebrochen, verärgert das wiederum die treuen Leser*innen, die sie gekauft haben, von denen dann ein Teil in Zukunft zögerlicher wird, weitere Fantasy-Serien anzufangen.

Die Verlage haben bereits darauf reagiert. Es wird weniger auf episch lange Serien wie Das Rad der Zeit oder Die Geheimnisse von Askir gesetzt, sondern mehr auf Di- oder maximal Trilogien, mit der Option, sie bei Erfolg fortzuführen, aber so, dass sie auch nach zwei Bänden als abgeschlossen betrachtet werden kann. Was bedeutet, dass es auf jeden Fall nicht so episch und stimmig wird, wie bei einer Serie, die von Anfang an auf zehn Bände angelegt ist. Als Folge wird die epische Fantasy immer weniger episch (siehe meinen Artikel zur epischen Fantasy).

Und aus Leser*innen, die sagen, sie würden nur abgeschlossene Serien lesen, werden Leser*innen, die sagen, sie würden nicht mehr ausreichend interessanten Lesestoff finden.

Es gibt allerdings auch eine kleine Gruppe von Leser*innen, die sich dieses Teufelskreises bewusst sind und die ersten Bände einer Serie kaufen, mit dem Lesen aber trotzdem warten, bis sie abgeschlossen sind. Die haben meine volle Sympathie.

Zweite Chancen

Sind Autor*innen erst mal mit einer Reihe auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gefloppt, wird es für sie schwierig, hier mit einem Folgeprojekt Fuß zu fassen. Vor allem, wenn die Reihe gar nicht beendet wurde. Manchmal muss sogar ein Pseudonym hinzu, wie es Daniel Abraham ergangen ist, nachdem sein Long-Price-Quartett (Sommer der Zwietracht) nicht so gut lief, und der Verlag die nächste Reihe (Dolch und Münze) dann unter dem Pseudonym Daniel Hanover brachte und nach drei von fünf Bänden abbrach. Seine aktuelle Kithamar-Trilogy hat es gar nicht nach Deutschland geschafft, trotz seines Erfolgs in der Science Fiction mit The Expanse als Teil des Autorenduos S. A. Corey.

Anders lief es bei James Islington. Seine Licanius-Trilogie wurde im Deutschen nach zwei von drei Bänden eingestellt, obwohl die Übersetzung des dritten Buchs bereits fertig war. Ein paar Jahre später brachte der Adrian Verlag sein neues Buch The Will of the Many, das sehr erfolgreich lief, was den Verlag jetzt sogar dazu veranlasste, die Licanius-Trilogy noch einmal neu aufzulegen und erstmal vollständig auf Deutsch zu veröffentlichen. Es gibt sie also doch, die zweiten Chancen.

Apropos, es gibt sogar einen Verlag, der hat sich das zum Konzept gemacht und heißt sinniger Weise Second Chances Verlag. Der hat mit der Buchreihe von Rachel Reid um Heated Rivalry einen größeren Erfolg, veröffentlicht aber auch Fantasy-Reihen. Zum Beispiel die Iskari-Trilogie von Kristen Ciccarelli, die von Heyne nie abgeschlossen wurde, hier eine zweite Chance erhielt und für den Kleinverlag gut zu laufen scheint.

Ist eine Geschichte ohne ordentlichen Abschluss nichts wert?

Da ist die Frage wohl, ob für uns Leser*innen der Weg das Ziel ist, oder das Ziel das Ziel. Ich vermute, dass wir hier zwischen Inhaltsleser*innen und Genußleser*innen unterscheiden können. Also jenen, die ein Buch nur lesen, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht und ob sie befriedigend abgeschlossen wird, und jene, die bei einem Buch auf mehr achten: Stil, Stimmung, Atmosphäre, was sie unterwegs lernen können, wie sie die Lektüre erleben.

Ich gehöre zu letzterer Gattung. Mir ist es gar nicht so wichtig, ob eine Serie offiziell abgeschlossen wird. Ich habe meinen Spaß mit den einzelnen Büchern. Bei Der Name des Windes war es z. B. vor allem die Sprache, die mich so begeistert hat, die Art, wie die Geschichte erzählt wird. Ob Kvothe je herausfinden wird, wer seine Eltern ermordet hat und ob er sich wird rächen können, ist da für mich nebensächlich. Die Erinnerung an die Lektüre von Band 1 möchte ich nicht missen. Deshalb gehöre ich auch nicht zu jenen, denen ein schlechtes Ende (das könnte bei Martin und Rothfuss ja durchaus passieren) die Lektüre vermiest, wie es zum Beispiel vielen Zuschauer*innen von Game of Thrones und Lost ging.

Ich bin aber auch jemand, der nur wenige Fantasy-Serien wirklich bis zum Schluss liest. Selbst wenn ich über 20 Bände im Regal stehen habe (z. B. Midkemia, Askir, Drizzt) verliere ich irgendwann das Interesse. Ich mag auch nicht mehr so viel aus der gleichen Welt lesen wie früher und brauche nach jedem Buch Abwechslung, am besten jedes Mal in einem anderen Genre. Damit dürfte ich aber kaum stellvertretend für die Fantasy-Leserschaft stehen.

Die will über Jahrzehnte oft gern immer mehr vom Gleichen, fast wie bei Zuschauer*innen einer Daily Soap. Da wurde viel Zeit in eine Welt investiert, mit den Figuren über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte gelitten und gelacht. Schreiben die Lieblingsautor*innen mal Bücher außerhalb der beliebten Hauptserie, verkaufen sich die Bücher meist deutlich schlechter. Und die Verlage verlangen von den Autor*innen auch immer mehr aus der gleichen Welt, wie mir einst Raymond Feist mal in einem Interview erzählte.

Und wenn wir so in eine Serie investiert sind, dass wir sie mit voller Leidenschaft lesen, uns mit den Figuren identifizieren und sie uns begleiten, als gehörten sie zum Freundeskreis, wollen wir auch wissen, wie ihre Geschichte endet. Dann trifft es uns umso härter, wenn der runde Abschluss fehlt. Wie bei einem Jugendfreund, mit dem wir uns im Laufe des Lebens auseinandergelebt und keinen Kontakt mehr haben – ein Verlust, der schmerzt, wann immer wir uns an die schöne Zeit zurückerinnern, die wir miteinander verbracht haben.

Darauf zu verzichten, neue Fantasy-Serien anzufangen, ist allerdings wie sich vorzunehmen, keine neuen Freundschaften mehr zu schließen. Aus Angst vor Enttäuschung ein Leben in Einsamkeit zu führen. Was hätten wir nicht für einen Spaß zusammen haben können ...

Foto: Markus Mäurer

Markus Mäurer

Der ehemalige Sozialpädagoge und Absolvent der Nord- und Lateinamerikastudien an der FU Berlin, der seit seiner Kindheit zwischen hohen Bücherstapeln vergraben den Kopf in fremde Welten steckt, verfasst seit über zehn Jahren Rezensionen für Fantasyguide.de, ist ebenso lange im Science-Fiction- und Fantasy-Fandom unterwegs (Nickname: Pogopuschel), arbeitet seit einigen Jahren als Übersetzer phantastischer Literatur und ist auf Tor Online für das Content Management und die Redaktion verantwortlich. Erreichen könnt ihr ihn auf seinem Blog Translate or Die und seiner Buchbesprechungsseite lesenswelt.de

Weitere Artikel